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Kommentare der Programmbeiräte

Dr. Kenneth Anders
Catrin Fischer
Gregor Glass
Sven Wallrath

Dokumentarfilm

Was wird sichtbar?
Über die Auswahl des langen Dokumentarfilms 2026

Was wissen wir von der Welt, und woher? Die eigene Erfahrung mit unseren Sinnen und Händen verliert an Gewicht, während unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit immer stärker von Medien bestimmt werden. Das ist kein neuer Befund, aber gegenwärtig schlägt er mit neuer Wucht zu Buche. Internet, Rundfunk, Film, Fernsehen und Social Media sind die Schauplätze, auf denen Auseinandersetzungen darüber ausgetragen werden, wie wir die Welt sehen und sehen sollen.

Das gilt auch für Dokumentarfilme. Von der einstigen Leichtigkeit oder Geruhsamkeit dieser Kamera-Schau in die Welt ist nicht viel geblieben, nur selten findet man einmal ein Werk, das spielerisch und heiter daherkommt. Auch hier geht es ums Ganze, um die Aufmerksamkeit und Urteilskraft der Menschen. Bei der Suche nach geeigneten Filmen für die Provinziale springt einem die Absicht oft schon aus den Kurzbeschreibungen der Portale ins Gesicht: Du sollst Angst haben, empört sein oder Partei ergreifen!

Hat man dennoch einige Filme gefunden, denen man sich anvertrauen will, bleibt die Frage nach ihrer Transparenz und Glaubwürdigkeit. Das macht immer einen zweiten prüfenden Blick erforderlich: Ist der Film über den chilenischen Goldgräber nicht doch eher ein Spielfilm, der uns die Welt in Form einer Traumfabrik erträglich macht? Stecken in der Geschichte der Moskauer „Garagniki“ verborgene Botschaften aus dem Krieg in der Ukraine, die wir nicht erkennen? Was erzählt das Leben dieser zupackenden Frau in der kaukasischen Steppe über diesen grausamen Konflikt?

In welcher Beziehung steht die Geschichte der Umsiedlung von Menschen in Kambodscha für einen Staudammbau zu den groben Mustern unserer Umweltdiskurse? Ist der Film über die Veränderungen in Berlin-Moabit eine Gentrifizierungs-Kritik? Warum stellt man eine Beziehung her zwischen dem Wald in Deutschland, Indonesien und dem Kongo? Ist das Porträt einer Ordensgemeinschaft in Syrien eine echte Friedensbotschaft oder enthält es gefärbte Informationen, die wir nicht sehen? Und was will uns der Film über den armenischen Jungen zeigen, der seine Heimat und seine Kindheit an den Krieg verliert?

Wir machen es uns bei der Auswahl nicht leicht. Wie ein Prisma wird jeder Film hin- und hergedreht und auf seine Durchsichtigkeit hin geprüft. Die Auswahl dieses Jahres haben wir in dem Bemühen vorgenommen, die oben genannten Fragen auch an das Publikum zu stellen. Wir meinen, es sind Filme, deren Arbeitsweise offenliegt, weshalb sie auch kritisierbar sind. Deshalb erging ihre Einladung nach Eberswalde, die sich auch immer an die Filmemacher richtet, um gemeinsam im Gespräch den jeweiligen filmischen Handschriften nachzuspüren – und dadurch letztlich auch an die Wirklichkeit zu rühren.

In der Hoffnung, dass dies gelingt, wünschen wir Ihnen und uns eine gute Festivalwoche!

Julia Hebestreit
Ana Rodrigues
Olaf Schilling
Thomas Winkelkotte

Kurzdokumentarfilm

Die großen Krisen dieser Welt bedürfen keiner Aufzählung – sie poppen sofort und selbstständig in unseren Köpfen auf. Dem Gedankenkreisen lässt sich wunderbar der Mikrokosmos gegenüberstellen, den all unsere Filme eröffnen. Sie entführen uns in Provinzen dieser Welt, die uns zunächst fremd erscheinen. Und doch erzählen sie von etwas Vertrautem: dem Versuch, selbst unter schwierigen Bedingungen Sinn im eigenen Alltag zu finden. Das Fremde wird alltäglich und das Alltägliche bemerkenswert.

Wohlgenährt von saftigen Wiesen wissen die Stiere aus Machos gar nicht, in welche Situation sie als Nächstes wortwörtlich verfrachtet werden. Ganz anders als der Esel aus Too Baldary, der Tag für Tag Grundschüler auf ihrem langen Schulweg durch die eiskalte kirgisische Landschaft trägt. In der Schule angekommen, wird gelernt, gespielt und gelacht – der steile Schulweg rückt für einen Moment in den Hintergrund.

So unterschiedlich diese Lebenswelten auch sind: Immer wieder richten die Filme den Blick auf das, was ihren Figuren Halt gibt. Auch in der Taiga schwemmt der Humor die anstrengendsten Aufgaben des Alltags für drei Geschwister in Tri Sesteri davon. In Brasilien schrumpfen die Regenwälder, der angehende Schamane in MUKUNÃ APRENDIZ DE PAJE weiht uns in seinen Blick auf die Natur ein. Jedes gerettete Leben eine Offenbarung, jede Pflanze ein Geschenk.

Zurück in Deutschland fehlt Sandra etwas von dieser Leichtigkeit – dafür gibt es gute Gründe, die wir in der Demontage ihrer Autoverwertung am Rande von Lüdenscheid erfahren. Aber selbst hier, inmitten aller Herausforderungen, wird der Arbeitsplatz zu einem utopischen Ort. Nicht, weil die Umstände einfach wären, sondern weil Gemeinschaft und Zusammenhalt ihnen etwas entgegensetzen.

Von 114 Einreichungen konnten uns die Bilder und Stimmen dieser Filme am meisten ergreifen. Sie erinnern daran, den Mikrokosmos um uns herum wieder bewusster wahrzunehmen – denn dort liegt das, was wir sehen, verstehen und verändern können.

Lars Fischer
Sascha Leeske
Odilia Mast
Daniel Steinbrück

KURZSPIELFILM

Bleiben oder gehen?
Die kurzen Spielfilme auf der Provinziale 2026

Die Straßen des Dorfes sind leer. Das Bild Schwarz-Weiß. Die Jugend bewegt sich zwischen Donuts drehen, Alkoholkonsum und Arbeit. Fabian prügelt jemanden ins Krankenhaus, danach muss er verschwinden. Carina hat gekündigt, sie will nach New York. Oder zumindest nach Wien. Zurück bleibt Lenz. Die letzte Dorfkneipe, sein Arbeitsplatz, schließt. Seine kleine Welt löst sich langsam zwischen Lenz' Händen auf.

Das Thema der Entwurzelung und Entfremdung taucht in vielen Filmen unserer diesjährigen Auswahl auf. Sei es selbst gewählt, wie bei Bora, die fürs Studium in die USA gezogen ist und sich nun in der eigenen Heimat fremd fühlt. Oder den Umständen geschuldet, wie bei Vielleicht im März, wo die Krankheit des Vaters die Familie zur Hofaufgabe zwingt. Teils verändert sich die Heimat auch so stark, dass ihre Bewohner entwurzelt und entfremdet werden, ohne je gegangen zu sein. Für drei junge Fischer wird das Bleiben zum Kampf gegen den Hunger und gegen Krankheit. Die einstige Heimat entwickelt sich zu feindlichem Terrain. Tamim wird das Fuß-Fassen in der neuen Heimat erschwert, da er die Dinge nicht mehr so angehen darf wie gewohnt.

In ihren Räumen stehen unsere Protagonistinnen und Protagonisten oft vor der Wahl, wie sie agieren wollen. Bleiben oder gehen, gestalten oder reagieren. So wie Nina, die sich ganz bewusst mit ihrer eigenen Herkunft auseinandersetzt und sich für ihre Kultur entscheidet. Dawidek träumt von offenen Grenzen während Henryk sein Grundstück mit Fallen bestückt, um die motorradfahrende Jugend zu vertreiben und seinen Besitz zurückzuerobern. Yolanda und ihre Enkelin versuchen im von Drogenkartellen beherrschten Mexiko ihr Leben zu bestreiten, ohne Menschlichkeit und Courage zu verlieren. In der Kneipe im österreichischen Hinterland singt die Jugend, animiert von den Alten. Ist es eine Entscheidung oder einfach der Lauf der Dinge? In Kuba hofft Yaimita erst, dass aus ihren transatlantischen Flirtversuchen eine Liebe wird, doch bleibt ihr keine Wahl, es wird wohl eher nur eine Klimaanlage. Erdem und Yasin hoffen nicht erwischt zu werden, doch die Community redet.

Und Martin gräbt ein Loch auf der Suche nach … ja, nach was – sehen Sie selbst.

Jonas Geldschläger
Jacob Ilgner
Almut Undisz
Kathrin Welke

ANIMATIONSFILM

Und plötzlich ist da wieder eine Welt.

Grenzen sind eine seltsame Sache. Grenzen werden zum Schutz errichtet, sind geografisch oder historisch bedingt oder wurden willkürlich gezogen. Manchmal sind sie durchlässig und weich, ein anderes Mal erscheinen sie starr und unverrückbar. Und wer ihren Verlauf ändern will, braucht eine gehörige Portion Mut, Naivität oder Anstrengung. Leicht ist das selten.

Aber dann kommt die Kunst ins Bild, die von diesen Schwierigkeiten nichts weiß, duckt sich unter den großen Worten hindurch und gewährt uns einen Blick auf die andere Seite. Denn sie hat ihre eigenen Grenzgesetze im Gepäck. Und wir dürfen ihr staunend dabei zusehen.

Da klopft in Au gré de l'iode das Meer an die Tür eines Präparators. Zieht sich zurück, klopft erneut – und weil niemand öffnet, hört es irgendwann auf zu fragen. Es kommt einfach herein und bringt ins Wanken, was bewahrt werden wollte. So kann es gehen, wenn Dinge ihren Platz tauschen.

In Water Girl ist diese Bewegung umgekehrt: Mia, eine Muscheltaucherin, lebt zwischen stillen Algen und Fischen, ihrer Liebe und einem unerfüllten Kinderwunsch. Sie geht jeden Tag ins Meer und bewahrt sich so vor einer Welt, die sich überall und unaufhaltsam verändert.

Auch in No Room dringt das Eine ins Andere: Diesmal ist es der Verkehr, der keine Tür mehr sucht und die Straße gleich mitbringt: Lärm, Abgase, ein ewiges Rauschen der Außenwelt. Sich anpassen? Mitfahren? Selbst ein Teil des Stroms werden? Oder lässt sich das Problem vielleicht einfach aus der Welt schneiden?

Doch nicht jede Grenzverschiebung lässt sich mühelos heraustrennen. Ein Mädchen erwacht, sucht seine Mutter – und findet sie in einer Weinflasche. Es zerschlägt das Glas, um sie zu befreien, doch schon verliert sie sich in der nächsten Flasche. Do dna stellt eine Frage, die schwer wiegt: Was, wenn die Grenze gar nicht von außen gezogen wurde? Was, wenn jemand sie selbst gewählt hat und nicht befreit werden will?

The In-the-Head Film geht noch weiter: Bilder, Töne, Assoziationen – keine Wand, an die man klopfen, kein Glas, das zerschlagen werden könnte. Wer eintritt, ist mittendrin, in einer Welt, die nur noch aus Übergang besteht.

Wer aus dieser Welt doch wieder auftaucht, landet in der Gegenwart. In Hope Road ist es nicht mehr die Fantasie des Einzelnen, die überbordet, sondern die Welt selbst: Kriege, Krisen und eine ressourcenhungrige KI. Eine Frau zwischen Kunst und mütterlicher Verantwortung – zwei Rollen, die sich kaum mehr trennen lassen. Und erst ein kindlicher Blick öffnet den Riss in dieser überfordernden Wirklichkeit.

Und wenn selbst die eigene Wahrnehmung keinen festen Boden mehr bietet, bleibt nur noch die Frage, wie wir uns in der Welt verhalten. Etwa wenn in Like Friend, Like Deer ein Wildhüter tötet und rechtliche Grenzen an Schärfe verlieren. Anders Fleurs d'Oranger: hier wird die Grenze nicht verhandelt: Eine Mutter zieht eine Linie um ihre Tochter – bis hierhin darf die Welt kommen, weiter nicht. Doch Nour sammelt längst Spuren jenseits dieser Linie, liest Fragmente einer Geschichte auf, die verschwindet.

Und manchmal löst sich eine Grenze dann doch unverhofft auf. Ein Unwetter, eine beschädigte Leitung: Unstable Connection – Und ein Mensch geht los. Trifft andere und sieht Wege, die unter all den Verbindungen nicht mehr sichtbar waren.

Kein Strom, kein Netz, kein Signal: Und plötzlich ist da wieder eine Welt.

Die Programmbeiräte sind ein wesentlicher Teil der Provinziale. Sie sichten die zahlreichen Einsendungen in den vier Wettbewerbskategorien Dokumentarfilm, Kurzdokumentarfilm, Kurzspielfilm und Animationsfilm, schlagen eine Auswahl für das Festival vor und nominieren einen oder mehrere Filme innerhalb ihrer Kategorie für den Jurypreis Der Stachel. Und jedes Jahr kommentieren sie die getroffene Filmauswahl:

PROVINZIALE

Die Provinziale ist ein internationales Filmfestival, das sich auf Filme konzentriert, die einen Bezug zu Heimat, Landschaft, Stadt und Land – also im weitesten Sinne zur Provinz – haben.

Das Festival zeigt Dokumentarfilme, Kurzspielfilme und Animationsfilme in vier Wettbewerben und wird durch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Musik und Filmgesprächen ergänzt.